Geschichte der BAdW
„Alle nützlichen Wissenschaften“: die Akademiegründung im 18. Jahrhundert
Im Geist der Aufklärung entwickelte sich im 17. Jahrhundert in ganz Europa eine Akademienbewegung. Die Akademien waren zunächst private Initiativen von Gelehrten, doch schon bald erkannten Minister und Regenten ihren politischen und gesellschaftlichen Nutzen.
1759 gründete Kurfürst Maximilian III. Joseph, ein Förderer der Wissenschaften und der Aufklärung in Bayern, die Bayerische Akademie der Wissenschaften. Ihre Aufgabe war es, „alle nützlichen Wissenschaften (...) in Bayern“ zum Gegenstand der Forschung zu machen. Die ersten großen Projekte begannen bereits in den 1760er Jahren. Anfangs hatte die Akademie in München keinen festen Sitz. Die Gelehrten trafen sich zunächst in der Burggasse 5, später in der Wohnung des Akademiepräsidenten Sigmund von Haimhausen und schließlich in Räumen neben der Hofbibliothek. 1760 bezog die Akademie ihren ersten festen Sitz in der Nähe des Schwabinger Tores (heute: „Fünf Höfe“), 1783 zog sie in das „Wilhelminum“ um, das großzügige Kollegiengebäude des aufgelösten Jesuitenordens an der Neuhauser Straße. Dort blieb sie bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs.
Blütezeit der Forschung: die Akademie im 19. Jahrhundert
Unter König Maximilian I. Joseph (reg. 1806-1825) durchlief die Akademie einen tiefgreifenden Wandel: Aus der freien Gelehrtenanstalt wurde eine zentrale staatliche Einrichtung mit neuer Verfassung und hauptamtlichen, fest besoldeten Staatsbeamten. Die Akademie war nun unmittelbar dem Ministerium des Innern unterstellt. Zudem wurden ihr die wissenschaftlichen Sammlungen und Einrichtungen des bayerischen Staates als sogenannte Attribute angegliedert, darunter die Zentralbibliothek, das Naturalienkabinett, das Chemische Laboratorium, das Münzkabinett und das Antiquarium, die Sternwarte in Bogenhausen, der Botanische Garten und das Anatomische Theater. Erst unter König Ludwig I. (reg. 1825-1848) kehrte die Akademie 1827 zu ihrer ursprünglichen Bestimmung als freie Gelehrtengesellschaft und Forschungseinrichtung zurück.
Das frühe 19. Jahrhundert markierte eine Blütezeit der Wissenschaften in München – maßgeblich geprägt durch viele Akademiemitglieder. So entwickelte der Optiker und Instrumentenbauer Joseph von Fraunhofer auf der Grundlage exakter wissenschaftliche Arbeit innovative Anwendungen, Georg von Reichenbach baute eine Wassersäulenmaschine und erlangte mit seinen geodätischen Instrumenten Weltruf, Samuel Thomas von Soemmering erfand einen galvanischen Telegraphen.
Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts weitete die Akademie das Spektrum ihrer geistes- und naturwissenschaftlichen Forschung stark aus. Sie initiierte große Gemeinschaftsprojekte, die von Kommissionen getragen und oft in internationaler Zusammenarbeit durchgeführt wurden.
Nobelpreise und Kriegsfolgen: die frühen Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts
Das 20. Jahrhundert begann für die Akademie mit einem absoluten Highlight: Ihr Mitglied Wilhelm Conrad Röntgen, Entdecker der nach ihm benannten Strahlen, erhielt den ersten Nobelpreis für Physik und ist damit der erste Nobelpreisträger der Akademie. Bis heute folgten 78 weitere Mitglieder, die diese weltweit höchste Auszeichnung für Wissenschaft und Forschung erhielten.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wandte sich die Akademie verstärkt „bayerischen“ Forschungsthemen zu: So wurde die Kommission zur Schaffung bayerischer Wörterbücher gegründet – ein Vorhaben, das unter neuem Namen und einem stark digitalen Zuschnitt weiterhin besteht. 1927 kam die Kommission für bayerische Landesgeschichte hinzu, die bis heute die regionalgeschichtliche Forschung prägt.
Der Erste Weltkrieg und seine Folgen brachten tiefgreifende politische und gesellschaftliche Umbrüche, die sich auch auf die Akademie auswirkten. Ihre Mitglieder forschten während des Kriegs teilweise unter schwierigen Bedingungen weiter, viele wissenschaftliche Projekte kamen jedoch zum Erliegen, da Personal und Ressourcen fehlten oder staatliche Prioritäten sich verschoben. Während der Weimarer Republik gewann die Akademie wieder an Stabilität und richtete sich wissenschaftlich breiter aus. Im Mittelpunkt stand in diesen Jahren eine behutsame Modernisierung, neue Forschungsfelder und eine stärkere Öffnung gegenüber internationalen Entwicklungen in Wissenschaft und Forschung.
Gleichschaltung und Ausgrenzung: die Akademie im Nationalsozialismus
Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten 1933 begann auch für die Bayerische Akademie der Wissenschaften eine Phase zunehmender politischer Einflussnahme und Gleichschaltung, die viele ihrer zuvor begonnenen wissenschaftlichen Initiativen unterbrach und tief in ihre Strukturen eingriff.
Auch die Akademie wurde nun „gleichgeschaltet“. Unter Berufung auf das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 entließ die Akademie ihre jüdischen Mitarbeiter. Ebenfalls im April 1933 ließ Albert Einstein auf Drängen der Akademie seine korrespondierende Mitgliedschaft streichen. Das Protokoll der Philosophisch-historischen Abteilung vermerkt dazu nüchtern: „Das korrespondierende Mitglied der II. Abteilung Herr Einstein ist aus der Akademie ausgeschieden“. Ebenfalls 1933 drängte der Akademievorstand Richard Willstätter dazu, sein Amt als Klassensekretar sowie seine weiteren Ämter in der Akademie niederzulegen. Am 2. März 1936 wurde Karl Alexander von Müller Akademiepräsident – nicht von den Mitgliedern gewählt, sondern vom Reichswissenschaftsminister ernannt.
1938 schloss die Akademie ihre jüdischen Mitglieder Lucian Scherman, Alfred Pringsheim, Richard Willstätter und Heinrich Liebmann aus der Gelehrtengemeinschaft aus. Johannes Sieveking, Karl Walter Brecht, Eduard Norden, Otto Hintze, Ernst Bernheim, Kurt Hensel und Georg Bredig wurden zum Austritt gezwungen. Die im Ausland lebenden „nichtarischen“ korrespondierenden Mitglieder wurden ab 1941 ohne Benachrichtigung aus den Listen gestrichen. Die bei Kriegsende noch lebenden Mitglieder Walter Brecht, Kasimir Fajans und Rudolf Pfeiffer wurden 1945 wieder in ihre Rechte eingesetzt.
Ausbau der Forschung: die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts
Bei einem Bombenangriff in der Nacht auf den 24. April 1944 wurde das Akademiegebäude in der Neuhauserstraße bis auf die Grundmauern zerstört. Die Arbeit der Akademie kam völlig zum Erliegen. Noch während des Krieges, am 26. November 1944, wurde Mariano San Nicoló zum Akademiepräsidenten gewählt. Nach Kriegsende leitete die Akademie ein internes Verfahren gegen den ehemaligen Präsidenten Karl Alexander von Müller ein, der am 23. September 1945 durch seinen freiwilligen Austritt einem Ausschluss aus der Akademie zuvorkam.
Im Juli 1946 genehmigte die Militärregierung der Akademie, ihre wissenschaftliche Tätigkeit wieder uneingeschränkt aufzunehmen. Unter Präsident Walther Meißner bezog sie zunächst ein vorläufiges Domizil in Schwabing, bevor sie zum 200. Gründungsjubiläum im Jahr 1959 ihre heutigen Räumlichkeiten im Nordostflügel der Residenz München bezog.
Das Forschungsspektrum der Akademie weitete sich nach 1945 nochmals deutlich aus. Neben einer Reihe geistes- und sozialwissenschaftlicher Vorhaben kam 1946 das Walther-Meißner-Institut hinzu, 1962 wurden das Leibniz-Rechenzentrum und die Kommission für Glaziologie gegründet.
In den 1950er Jahren wurden die Prähistorische, die Ägyptische und die Münzsammlung sowie die Museen für Völkerkunde und für Abgüsse klassischer Bildwerke aus der Akademie ausgegliedert, die naturwissenschaftlichen Sammlungen wurden der Generaldirektion der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns unterstellt.
1979 wurde die Finanzierung der geisteswissenschaftlichen Projekte durch die Gründung des Akademienprogramms auf eine neue Grundlage gestellt. Das Programm wird gemeinsam von Bund und Ländern getragen und ist das wichtigste Drittmittelprogramm für die geisteswissenschaftliche Forschung der BAdW. Als größtes Langzeitforschungsprogramm der Bundesrepublik Deutschland dient es der Erschließung, Sicherung und Erforschung kultureller Überlieferungen weltweit und wird von der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften koordiniert.
Zukunftsthemen und Vernetzung: die Akademie im 21. Jahrhundert
Seit Beginn des 21. Jahrhunderts hat die BAdW ihr Profil nachhaltig geprägt, ihre Struktur modernisiert und ihre Forschung national sowie international stärker vernetzt.
Die Einrichtung des Jungen Kollegs im Jahr 2010 setzte ein sichtbares Zeichen für die systematische Förderung exzellenter junger Forschender in Bayern.
Mit der Gründung des Bayerischen Forschungsinstituts für Digitale Transformation im Jahr 2019 etablierte die Akademie ein zukunftsweisendes Institut, das sich zentralen Fragen des digitalen Wandels widmet und den Dialog zwischen Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft intensiviert.
2021 wurde das Schelling-Forum ins Leben gerufen – eine gemeinsame Initiative der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und der Universität Würzburg. Es dient als Außenstelle der Akademie im nordbayerischen Raum und fördert die Forschung sowie den interdisziplinären Austausch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft.
Einen besonderen Fokus legt die Akademie auf die Quantentechnologien. Zwei ihrer Einrichtungen, das Leibniz-Rechenzentrum und das Walter-Meißner-Institut, sind maßgeblich am 2022 gegründeten Munich Quantum Valley beteiligt. Dieses bayernweite Bündnis verbindet im Rahmen der Hightech Agenda Bayern Spitzenforschung, Hightech-Infrastruktur und industrielle Partner, um die Entwicklung und Anwendung von Quantentechnologien voranzutreiben.
2024 richtete die Akademie die Geschäftsstelle von AHA – The Science Communication Hub ein. Sie koordiniert das Netzwerk namhafter Münchner Wissenschaftseinrichtungen, um die Wissenschaftskommunikation in München bzw. Bayern weiter zu intensivieren.
In der zweiten Wettbewerbsrunde der Exzellenzstrategie von Bund und Ländern ist die Akademie seit 2025 als Kooperationspartnerin an fünf Exzellenzclustern in München, Nürnberg-Erlangen und Bayreuth beteiligt.
